Archive | Oktober 2012

Kennen Sie das?

Diesen kurzen Moment von 2 Sekunden, der einem wie zwei Stunden vorkommt. Dieser Augenblick, in man all die Dinge sieht, die man tun hätte können oder machen hätte lassen sollen. Dieser Sekundenbruchteil, in dem das gesamte Blut aus dem Kopf rauscht und die Augen gebannt in die Ferne starren, und im Augenwinkel die knochenweißen Knöchel, die verkrampft auf dem Lenkrad kleben, erkennen. Dieser kurze Schreckensmoment, in dem man denkt, etwas weiter rechts zu fahren, um dem bösen Hindernis auszuweichen, und daran, dass man der Oma letzte Woche eine Karte zum Geburtstag schicken hätte sollen. Kennen Sie das? Ich nicht.

Doch als ich mitten in der Nacht am rechten Rand der B leck mir die Eier stand, und völlig adrenalinüberdosiert auf den Henkersmann wartete, war mein gesamter Körper die Manifestation des menschlichen Schockzustands, verzweifelt darum bemüht, die lächerliche Fassade eines lässigen, und völlig unschuldigen Bürgers zu geben.

Es klopfte ans Fenster, und ich richtete, nicht zu hastig, nicht zu langsam…

…ok viel zu langsam, meinen Blick auf den Polizisten der ungeduldig vor meinem Fenster stand. Wir beeäugten uns kurz, dann sagte er dumpf durch die Fensterscheibe:

 

„Na aufmachen müssens schon!“

 

Achso, meine ich, nervös lachend, und kurble das Fenster runter.

 

„Wie schnell war ma den?“

 

Das weiß ich nicht genau, aber eh nicht sooo schnell, stammle ich lässig, und suche zitternd meinen Führerschein.

 

„Ein Neuling!“

 

Er sagt das mit dieser arroganten Scheissart, die nur Beamte haben können.

 

Ijaaa, gebe ich zu, erst seit letzter Woche.

 

„Naguat!“

 

Hoffnung keimt in auf.

 

„Da hams noch amal Glück ghabt“

 

Ein Silberstreif am Horizont.

 

„Aber bei wem andern!“

 

Glückshormone fließen in mein Gehirn.

 

„Ab jetzt fahrns aber brav!“

 

Ja ok, stammle ich, und auf Wiederschaun, diesmal aufgrund des Glücks und nicht der Angst. Ich warte bis das nette Staatsorgan vor mir weg fährt und lege den ersten Gang ein.

 

„HAHA“ denk ich mit Stolz geballter Faust, ganz genau weiß ich wie schnell ich war! Einundsechzig warns, genau drüber, über die erlaubten Sechzig. Aber gewonnen hab ich, getäuscht hab ich, dieses scheiss arrogante Straßenorschoch, dem hab ichs gezeigt!

 

Der Polizist biegt ab und ich geb, im Siegestaumel, noch mal ordentlich Gas.

BAM BAM BAM in meinem Hinterkopf schallen die Trompeten, und ich höre einen Siegesmarsch erklingen, einzig und allein komponiert um meinen glorreichen Sieg zu verkünden. Gleich twittern, denk ich und krame nach dem Handy.

 

Da blicke ich auf, und die Zeit dehnt sich ins Unendliche. Ein Baum steht da, wo der Straßenasphalt sein sollte und ich beginne, zu denken.

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