Oh Gott wir leben noch, 1. Akt: Volksverdummung aus Lesemangel

These:

Kinder lesen zu wenig, Kinder lesen gar nicht, Kinder sitzen viel zu viel vor der bösen Glotze, und/oder spielen viel zu viele, ganz schreckliche Computerspiele.

Weil Fernsehen und Computerspiele nicht bilden, im Gegenteil sogar dumm machen, Aufmerksamkeitsstörungen hervorrufen, die schulische Leistung drücken und allgemein selbst das bravste Bübchen zum gewaltverherrlichenden Aggressionsjunkie lassen lässt, Bücher allerdings durch und durch gut und bildend sind, müssen Kinder viel mehr lesen.

Das tut die Zukunft aber nicht, sie sitzt lieber strohdumm vor der Flimmerkiste. Darum verdummt das Volk mehr und mehr, und wenn das Volk dumm ist dann kann das nur schlecht für das Land sein, vor allem, wo doch in vielen anderen Ländern die Kinder und Teenager ganz großartig in der Disziplin Lesen sind, und nicht mit ihrer Leseschwäche selbst den geradesten Satz im stotternden Wortlaut verbiegen, geschweige denn, überhaupt gar keine geraden Satz von sich geben können. Vor allem die Skandinavischen Länder sind uns da meilenweit voraus. Ist doch klar, dass der Staat mehr und mehr Schulden anhäuft, Millionen in Finanzsümpfen versinken, und Allgemein alles immer schlechter wird, wenn all diejenigen, die jetzt kommen und das Land führen sollen, genauso wie die Jetzigen, ihre gesamte Bildung aus der Glotze ziehen.

Dabei kann ein Buch so spannend sein, was jeder weiß, der mal eins ausprobiert hat. Man kann darin regelrecht versinken, und gar nicht mehr aus einer spannenden Geschichte auftauchen. Nur leider, und da liegt das Problem, sind Bücher stille Gefährten, und nicht etwa laut und bunt, und darum wird auch nix gelesen, viel lieber ist man dumm.

Kurz: Die Welt geht unter, weil all die Rotzgören keine Bücher mehr lesen.

Problem:

Tatsächlich lesen Kinder viel zu wenig, da ist aber nicht das Kind selber dran schuld, sondern vielmehr die Erziehenden und die Lehrer. Bei der Kritik an dem Leseverhalten der Schüler müssen  Dinge beachtet werden:

Es ist Allgemein einfacher, an anderen, vor allem Untergeordneten, also im Besonderen bei Kindern, Kritik auszuführen

Dem entsprechend wird zwar jedem Kind erklärt, dass es mehr lesen muss, und für dumm erklärt, sollte es das nicht tun, gleichzeitig habe ich noch nie von einem Kind gehört, das besonders brav liest, geschweige denn gerade darum besonders intelligent ist. Bücherwürmer werden normalerweise gleich noch mehr verunglimpft, sie sollen gefälligst etwas anderes, produktives tun, anstatt dauernd die Nase in diese augenschädlichen Dinger zu stecken.

Deutschlehrer sind verrückte Literaturfanatiker

Das ist ja eigentlich nichts Schlechtes, solange man selbst auch einer ist. Weil sich die wenigsten Kinder zu dieser Gruppe zählen, wird es dann problematisch, wenn solch lustige Gestalten auf die Jüngsten losgelassen werden. Nur dann müssen 14-Jähre hochkomplexe Werke lesen, und 15-Jährige wissen, warum Schnitzler so wichtig ist, und nur dann müssen 16-Jährige erkennen welche absolut großartigen Satzbauten dieses eine Meisterwerk der Zeit der Polyhistorie auszeichnet.

Dabei weiß doch jedes Kind (haha), dass diese Altersgruppen nur aus haufenweise pickeliger Pubertierender bestehen.

Literaturwissen ist nutzlos

So, Erstens. Zweitens ist es absolut sinnlos, Menschen, die das Lesen in all seinen Facetten gerade erst kennen lernen, bockschwere Wälzer ins Gesicht zu fetzen! Ein 12-Jähriger geht ja auch nicht ins Kino, um sich irgendeinen Indepentstreifen mit Mindfuck-Garantie anzusehen, sondern um sich Popcorn & Popcornkino reinzuziehen.

Sinngemäß muss kein 14-Jähriger über Tolstoi Bescheid wissen, um lesen zu können, vielmehr muss man da noch ein paar Level aufsteigen, und sich eine goldene Lesebrille mit +2 zu Verständnis zulegen, bevor man sich überhaupt an so ein Literaturmonster wagen kann.

Harry Potter ist da viel besser. Und spannender.

Lesen ≠ Intelligenz

Ich kenne genauso Menschen die zwar sehr intelligent sind, aber gar nichts lesen, wie Menschen die Strohdumm sind und trotzdem haufenweise Bücher mit halbwegshohem Niveau vernaschen können. Das Lesen gut für den Wortschatz ist, ist ein Fakt, dass man dafür ein Intelligenzler sein muss, Schwachsinn.

Trotzdem wird der Allmighty-Pisastudie, bei der Österreich besonders schlecht im Bereich lesen abgeschlossen hatte, zugeschrieben, ein direktes Urteil über die Gesamtsituation der österreichischen Bildung zu geben.

Nichtlesen ≠ dumm

Niemals sollte irgendjemand behaupten dürfen, das Fernsehen, beziehungsweise der Computer im Allgemeinen (Internet, Spiele, etc. bla bla) den Menschen dumm macht. Wer viel fernsieht, dem wird das normale Programm früher oder später zu langweilig und sehnt sich nach anspruchsvollerem Filmen, welches sehr wohl das Gehirn anregt. Das Internet ist ein riesiges Datenmeer, in dem Wissenssüchtige aus den vorherigen Jahrhunderten ganz einfach ersoffen wären. Spiele regen Konzentrationsverhalten, Reaktionen und sogar die Intelligenz an. (Dazu gibt es Studien, googeln) Ohne meine Vorliebe für Filme, Spiele und vor allem Serien im englischen O-Ton hätte ich es mir nie so leicht in der Schule getan, jedenfalls was Englisch angeht.

Fazit:

Bücher mögen das Wissen erweitern, den Wortschatz verbessern und vielleicht auch die eine oder andere Gehirnfunktion verbessern, besonders und ausschlaggebend Intelligent machen sie nicht. Auch Fernsehen ist weder ein Garant für Dummheit, noch Intelligenz, denn wär dauernd nur „dummes“ (bitte definieren!) Fernsehen sieht, der wird auch nicht durch Lesen schlauer, und wars ja auch von vorn herein nicht. Tatsache ist, dass die Jugend von heute (haha) deswegen zu wenig liest, weil sie schon in den frühesten Schulstufen mit Büchern überschüttet werden, die gar nicht für sie brauchbar sind. Dass Kinder darum meinen, dass Bücher anstrengende Aufgaben von Lehrern sind, die einzig und allein als Folterwerkzeug erfunden wurden, ist überhaupt kein Wunder. Vielmehr muss ihnen klar gemacht werden, dass Bücher, genau wie Filme, nichts anderes als eine Geschichte erzählen, und dabei den Vorteil haben, viel länger als ein Standart-90-Minüter zu sein.

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7 responses to “Oh Gott wir leben noch, 1. Akt: Volksverdummung aus Lesemangel”

  1. Sebastian F. Klaus says :

    Ein interessanter Artikel zu einem Thema, das mir persönlich sehr wichtig ist.

    Mit Sicherheit, gebe ich Ihnen voll und ganz recht, dass Lesen nicht mit Intelligenz bzw. Dummheit direkt verknüpfbar ist. Gleichzeitig ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass Lesen mitunter wichtig für die Kommunikationskompetenz und somit in gewissem Maße auch für Sozialkompetenz ist. Denn wer weiß, sich klar und interessant auszudrücken, der wird sich unter anderem leichter damit tun, Kompromisse zu schließen beziehungsweise Kritik an sich selbst zu konstruktiv zu hinterfragen. Aber ja, Tolstoi muss keine Pflichtlektüre für Kinder sein. Trotzdem denke ich, dass es auch nicht schaden kann, wenn…

    … die Basis stimmt. Und die Basis wird schon durch das Elternhaus gebildet. Ich persönlich bin eine, sagen wir es mal so, „Leseratte“. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich lese, um intelligent zu werden oder wenigstens einfach nicht dumm. Nein, vielmehr begann das eifrige Lesen, weil meine Mutter ein ganzes Arsenal an Büchern in ihrem Schlafzimmer angesammelt hatte, häufig laß – ich wollte nacheifern, erkennen, was da so interessantes dabei sein kann, am lesen. Über die gängigen Kinderbücher, die keine Bilder sondern interessante Texte hatten, kam ich so Stück für Stück tiefer in die Materie gebundener Bücher.

    In vielen Fällen, so meine ich, hängen Kinder einfach in den familiären Strukturen fest. Eltern die sich aus Bequemlichkeit damit begnügen, ihre Kinder mit Mickey Mouse-Heftchen und Bilderbüchern abzufertigen, anstatt sich gemeinsam mit den Kindern an altersgerechte Bücher heran zu wagen, ebnen schon ziemlich früh den Weg für den Lesefrust der Kinder. Und um Kinder auch bloß nicht in die Verlegenheit zu bringen, mal ein Buch in die Hand zu nehmen, um zum Beispiel Langeweile damit zu vertreiben, wird 11-jährigen direkt ein Handy mit Internetflat spendiert. So haben die Eltern Ruhe. Hätte ich in meiner Kindheit nur 160-Zeichen-Nachrichten (SMS) als Hauptlesewerk vorgesetzt bekommen, hätte ich mich bestimmt auch dafür ausgesprochen, Deutschlehrer als Foltermeister zu verurteilen.

    Kurz zu der einleitenden These: „Weil Fernsehen und Computerspiele nicht bilden, im Gegenteil sogar dumm machen, Aufmerksamkeitsstörungen hervorrufen, die schulische Leistung drücken und allgemein selbst das bravste Bübchen zum gewaltverherrlichenden Aggressionsjunkie lassen lässt, Bücher allerdings durch und durch gut und bildend sind, müssen Kinder viel mehr lesen.“

    Ich persönlich kann und muss sagen, Computerspiele haben keinerlei Auswirkung auch das Aggressionspotential von Jugendlichen. Ich für meinen Teil, habe einen Shooter nach dem anderen durchgespielt und blutig genug konnte keiner sein. Gleichzeitig habe ich mich über unzählige Jahre ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert, war stellvertretender Sprecher der Jugend meiner Gemeinde und habe schlussendlich miene Jugendleiterqualifikation erlangt. Ganz ohne Gewalt. Und auch die Kinder die ich betreute wussten schon früh, was es alles für Shooter gibt, für Killer- und Ballerspiele – Aggressionspotential oder Auffälligkeiten konnte man bei keinen dieser Jugendlichen feststellen.

    • Autor says :

      Ich stimme überall zu.
      Bücher sind wie Obst, die darf man nicht aufzwingen, sondern einfach herumliegen lassen. Die Kinder fressen die schon von selbst.

      Was die These angeht: Das Kursive soll so eine Art Volksstimme sein, die Meinung der Boulevardpresse und der notorischen Jammerer, mit meiner Eigenen hat das schlichtweg gar nichts zu tun. Das muss ich um bedingt noch besser kennzeichnen.

      • Sebastian F. Klaus says :

        Das ist leider tatsächlich nicht so ganz ersichtlich gewesen. Vielen Dank für den Hinweis. Umso mehr stimme ich Ihnen zu. 🙂

  2. terrorsax says :

    Ich finde auch das in der Schule unpassende Bücher für Jugendliche durch genommen werden, mit Büchern ist es halt (wie oben erwähnt) wie mit Filmen so gibt es Schnulzen/Romantik-, Action-, Krimi-, Entspann-, Fantasie-, Realität-, Nachdenk- und noch viele viele Arten von Büchern. Jeder hat einen anderen Büchergeschmack, der bei Jugendlichen meist in eine andere Richtung geht als die Bücher die in der Schule behandelt werden.
    Und zu Video-Spielen; ich Spiele auch hin und wieder das ein oder andere gewaltbehaftete Spiel und kenne auch normale Leute die solche spielen, aber es gibt leider auch Leute die ein hohes Sucht-potenzial haben und die durch solche Spiele aggressiv werden, so kann man das leider nicht pauschal sagen ob Video-spiele schaden. Aber so wie die Medien und die Politiker Gamer darstellen ist es mehr als unverschämt.

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  1. Ach! « Gedankenzersprünge - April 19, 2012

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